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K. Hirschfeld, H.
Preissler, Ch. Hoffmann:
Was soll das Theater?
Erfahrungen mit Spiel und Theater in
der Organisationsentwicklung
Die Bedeutung von Unternehmenstheater im
deutschsprachigen Raum wächst. Im folgenden
beschreiben die Autoren anhand von Praxisbeispielen
ihre Erfahrungen mit Varianten des
Unternehmenstheaters, bei denen die Belegschaften
der jeweiligen Unternehmen direkt in den Prozess
eingebunden sind. Sie zeigen, dass
Mitarbeitertheater ein effektives Mittel in der
Organisationsentwicklung sein kann, das Freiräume
schafft, Überraschungen bietet und herausfordert.
Theater in Unternehmen? Auf den ersten Blick
erscheinen (schau-)spielerische Elemente in
Organisationen als artfremd. Ganz so neu ist das
Phänomen allerdings nicht: Erste Vorboten – nämlich
Rollenspiele – werden seit den fünfziger Jahren vor
allem in Trainings genutzt. Seit einigen Jahren
etablieren sich weitere Formen des Theaters, die
unter dem Sammelbegriff "Unternehmenstheater"
zunehmende Bekanntheit erlangen.
Im deutschsprachigen Raum bislang noch selten eingesetzt, zeigt die
wachsende Zahl von Kongressen und Publikationen die
steigende Bedeutung des Unternehmenstheaters. So
treffen sich seit 1997 im Rahmen des Forums
"Business Goes Theater" alljährlich Anbieter und
Vertreter aus Organisationen, um die verschiedenen
Angebote und Einsatzmöglichkeiten kennenzulernen. Mittlerweile gibt es im Bereich des Unternehmenstheaters eine Vielzahl
von Formen. Sie unterscheiden sich im wesentlichen
im Grad der aktiven Beteiligung der MitarbeiterInnen.
MitarbeiterInnen passiv
- Inszeniertes Theater mit professionellen
Schauspielern vor einem unternehmensinternen
Publikum
MitarbeiterInnen aktiv
- Improvisationstheater
- Forumtheater
- Mitarbeitertheater
Eine Studie von Schreyögg et al. beschränkt
den Begriff "Unternehmenstheater" auf
bedarfsorientierte abgeschlossene
Inszenierungen von professionellen
Schauspielern vor einem unternehmensinternen
Publikum.
Weitere Formen wie das Improvisationstheater und das
Forumtheater beinhalten Anfangsszenen, die
von Schauspielern aufgeführt und nach
Vorschlägen aus dem Publikum
weiterentwickelt werden. Der Verlauf dieser
Stücke ist offen, durch das Eingreifen der
Mitarbeiter sind diese selbst am Geschehen
beteiligt. Beim Mitarbeitertheater, der
am stärksten partizipativ ausgeprägten
Variante des Unternehmenstheaters,
spielen die Mitarbeiter selbst ihre
jeweiligen Themen. Im folgenden beschreiben
wir anhand von fünf Praxisbeispielen unsere
Erfahrungen mit unterschiedlichen Varianten
des Mitarbeitertheaters.
- Spielsequenz (Beispiel:
Seminarauftakt)
- Körpersprachliche Positionierung
(Beispiel: Szenarioentwicklung)
- Szenische Arbeit (Beispiel:
Internationalisierung und Integration)
- Themenzentriertes Theater (Beispiel:
Konfliktmanagement)
- Vortragstheater (Beispiel:
Unternehmen im Wandel)
Darüber hinaus bewerten wir
Möglichkeiten und Grenzen der
verschiedenen Ansätze aus Anbieter- und
aus Nachfragersicht und stellen zu
beachtende Rahmenbedingungen für den
zielführenden Einsatz des
Mitarbeitertheaters dar.
Spielsequenz
Fünfzehn dezentral im gesamten
Bundesgebiet organisierte KollegInnen,
die sich nicht persönlich kennen, kommen
zum Bereichstreffen zusammen. Der
Schwerpunkt des Treffens ist die
Diskussion und Neuausrichtung der
Organisationsstruktur. Mit Hilfe von
Spielsequenzen, einer interaktiven
"Vorform" des Unternehmenstheaters,
sollen sich die Seminarteilnehmer
zunächst persönlich kennen lernen und in
einer lockeren Atmosphäre an die Themen
des Bereichstreffens herangeführt
werden.
Vorgehen
Vor dem inhaltlichen Teil des
Seminars wurde eine 20minütige
Spielsequenz angeboten. Die Möglichkeit
mitzuspielen, nahmen alle Teilnehmer
wahr.
Die Kollegen stellten sich in einer
Runde auf. Es begannen verschiedene
Kreisspiele, die der gegenseitigen
Wahrnehmung sowie der Kontaktaufnahme
untereinander dienten. Spielerisch
wurden Impulse aufgenommen und weiter
gegeben. Am Beginn hatten die Spiele
einen integrativen Charakter. Es folgten
Spiele mit Wettkampfcharakter, um dem
Leistungswillen der Gruppe entgegen zu
kommen.
Anschließend dienten bewegte Spiele
dem "Ankommen" in dem Seminarraum, der
allen fremd war. Die persönliche Präsenz
wurde gefordert, denn die Kollegen
"nahmen sich Raum".
Schließlich dienten
Assoziationsübungen als Übergang zu den
inhaltlichen Themen des
Bereichstreffens. Die Gruppe formierte
sich hierzu wiederum im Kreis. Auf
spielerische Weise wurde zu vorgegebenen
Stichworten frei assoziiert. Die erste
Idee wurde spontan an eine andere Person
gegeben. Sie assoziierte den nächsten
Begriff usw.
Beurteilung der Methode
Die Spielsequenz kann die zu
Seminarbeginn oft wichtige Phase der
Kontaktaufnahme und persönlichen Präsenz
erheblich fördern. Spielsequenzen
unterstützen die Bildung einer
arbeitsfähigen Gruppe. In der Regel sind
die Beteiligten nach wenigen Übungen
hochkonzentriert, angeregt und offen für
die folgenden Seminarinhalte. Ziel der
Spielsequenz ist somit ein Aufwärmen in
der jeweiligen konkreten
Workshopsituation.
Beim Einsatz von Spielen ist es
wichtig, auf die notwendige
Orientierung für die Teilnehmer zu
achten. Ein Seminar mit einer
Spielsequenz zu starten, kann
Irritationen bei den Mitarbeitern
auslösen. Das "ungewöhnliche" Vorgehen
erfordert daher eine geschickte
Einbettung bzw. Moderation, die auf die
Zielsetzung orientiert und dadurch die
unkonventionelle Kontaktaufnahme
begründet.
Körpersprachliche Positionierung
Rund zwanzig MitarbeiterInnen eines
Dienstleistungsunternehmens arbeiten an
der Erstellung von langfristigen
Zukunftsperspektiven ihres Unternehmens.
Im Rahmen eines analytischen
Szenarioprozesses wurden bereits
Einflussfaktoren gesammelt und sachlich
beschrieben, die für die künftige
Entwicklung des Unternehmens relevant
sind. Die Faktoren beschreiben komplexe
Sachverhalte, wie z.B. die
Wirtschaftsentwicklung in Europa, die
Durchdringung der Arbeitswelt mit
Informationstechnologie und die
Führungskulturen im Unternehmen.
Nun geht es um deren Bewertung. Dabei
mischen sich objektive Sachverhalte
(Definitionen, Daten, Statistiken) mit
subjektiven Einschätzungen u.a.:
- Wie wichtig ist der jeweilige
Faktor im Hinblick auf unsere
Fragestellung?
- Wie unsicher sind wir bezüglich
der künftigen Entwicklung des
Faktors?
- Welche Entwicklung ist aus
heutiger Sicht erwünscht bzw.
unerwünscht?
Es gilt also persönlich "Stellung zu
beziehen", sich zu "positionieren",
sich mit anderen Beteiligten
"auseinanderzusetzen", und einen
komplexen Meinungsbildungsprozess
sowie dessen Ergebnis als Votum der
Gruppe darzustellen. Anders als in
einem "dreidimensionalen" Soziogramm
geht es hier nicht um die sozialen
Beziehungen zwischen den
Teilnehmern, sondern um deren
persönlichen Bezug zu Sachthemen.
| Vorgehen
Die Mitglieder der
Szenariogruppe stellten sich
entsprechend ihrer
jeweiligen individuellen
Bewertung in ein auf dem
Boden vorbereitetes
Portfolio (vgl. Beispiel
"Wirtschaftsentwicklung",
Abbildung 2). Dann erfolgte
eine Diskussion der
jeweiligen Argumente der
individuellen
Einschätzungen. Die
Teilnehmer standen für alle
sichtbar im "Parlament der
Positionen". Nach Austausch
aller Argumente hatten die
Teilnehmer die Möglichkeit,
ihre jeweiligen Bewertungen
zu modifizieren und neue
Plätze im Portfolio
einzunehmen. Schließlich
ergab sich so das
abschließende
Gruppenergebnis, das ebenso
wie seine Herleitung für
alle transparent und
lebendig entstand.
Beurteilung der
Methode
Im Vergleich zur rein
verbalen Diskussion
(üblicherweise auf Stühlen
sitzend) bietet die
bewertende Positionierung –
ebenfalls eine "Vorform" des
Unternehmenstheaters – eine
Reihe von Vorteilen,
insbesondere:
|
 |
 Abbildung 2:
Körpersprachliche Bewertung
des Faktors
"Wirtschaftsentwicklung"
|
- Transparenz: Die
unterschiedlichen Dimensionen
der individuellen Bewertungen
werden sofort und für alle
gleichzeitig sichtbar.
- Spannung: Der
bewusste Einsatz der
Körperlichkeit und die physische
Bewegung von Personen
unterbricht Routinen
("Sitzungen") und hat meist
einen positiven Effekt auf die
Gruppendynamik (Aufbau von
Erwartungen, Vermeidung von
Ermüdungserscheinungen)
- Nachhaltigkeit: Die
inhaltlichen Bewertungen werden
mit Personen sichtbar verknüpft
und bleiben im weiteren Prozess
nachhaltiger und länger
verfügbar, als dies nach
verbalen Auseinandersetzungen
der Fall ist.
- Vertiefung: Die
physisch-emotionale Ebene
ergänzt die primär
intellektuelle.
Dem stehen einige Nachteile
gegenüber, die vor dem Einsatz
der Methode unbedingt abgewogen
werden sollten, u.a.:
- Raumbedarf: In
Abhängigkeit der
Gruppengrösse ist der
Platzbedarf für die
Positionierungen nicht
unerheblich. Ein "Gedränge"
ist kontraproduktiv.
- Anschlussfähigkeit:
Je nach Organisationskultur
kann die Einbeziehung des
Körpers in den
Diskussionsprozess mit
Unverständnis bzw. ablehnend
aufgenommen werden.
Wir haben bisher gute
Erfahrungen mit
Positionierungen gemacht.
Die Gruppen waren beim
Betrachten ihres eigenen
Bewertungsbildes oft "über
sich selbst überrascht", und
die Teilnehmer bewerteten
die Mischung aus räumlicher
"Auseinandersetzung" und
kognitiver Diskussion als
fruchtbar. Komplexe
Diskusssionsprozesse können
so leichter handhabbar und
gleichzeitig effizienter
gestaltet werden. Auf diese
Weise korrespondierte die
Positionierung mit den
weiteren Schritten im
Szenarioprozess und war über
diesen in die Entwicklung
einer Unternehmensstrategie
eingebunden.
Szenische Bearbeitung
Fünfzig MitarbeiterInnen
eigener Abteilung aus
verschiedenen Fachgebieten
und Ländern versammeln sich
zum Jahresrück- und ausblick.
Aus zwei Gründen steht das
Thema "Internationalisierung
und Integration" im
Mittelpunkt: Zum einen
arbeiten die Mitarbeiter
selbst in internationalen
Teams. Zum anderen begann in
dieser Zeit die Fusion ihres
Konzerns mit einem
amerikanischen Unternehmen.
In einem
Zielvereinbarungsgespräch
zwischen dem Auftraggeber
und dem Spielleiter wird
folgender Arbeitsauftrag
vereinbart: die szenische
Arbeit soll Erfahrungen und
Einstellungen, die im Alltag
oft lediglich in
Nebengesprächen Raum finden,
sichtbar machen, um sie
anschließend gemeinsam
auszuwerten. Im Mittelpunkt
steht die Auseinandersetzung
mit dem eigenen Befremden
gegenüber einer anderen
Kultur. Reibungspunkte im
Arbeitsalltag sollen
spielend zum Thema werden.
Vorgehen
Auf der Basis der
freiwilligen Teilnahme
wurden Statuen gebaut: Der
Spielleiter nannte einen
Begriff, der als Standbild
darzustellen war (z.B. "eine
einsame Insel"). Wer zu dem
Begriff eine Idee hatte,
ging auf die Bühne, nahm
eine Position ein und
definierte sich als Teil
dieses Bildes. Wie bei einem
Puzzle entstand mit jeder
weiteren dazukommenden
Person ein Gesamtbild. Alle
Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter beteiligten sich
am szenischen Spiel. Dieses
"Bilderbauen" wurde
variiert. Ton und Bewegung
kamen als weitere
Dimensionen hinzu. So
entstanden kleine Szenen.
Mit dieser Übung wurden die
Teilnehmer an die einzelnen
Elemente des Theaterspielens
herangeführt.
|
Es folgte die
szenische Arbeit in
Kleingruppen. Als
Orientierung bekamen
die Kleingruppen
neben der
Zeitvorgabe einige
dramaturgische
Spielregeln. Der
Spielleiter ging als
Coach in die
Gruppen. Die
Aufführung der
Szenen rundete die
Abendveranstaltung
ab. Vier Szenentitel
mit Bezug zum
Ausgangsthema
standen zur Auswahl.
Die Szene "Name des
neuen Konzerns"
ergab die meisten
Spielimpulse und
machte die Bedeutung
des Themas deutlich.
Unter der Oberfläche
der Szene waren
einige Kernfragen
verborgen: Wie sieht
die Integration auf
der Mitarbeiterebene
aus? Erfolgt eine
Vereinigung oder
Vereinnahmung? etc.
Die Szene "Begegnung
im fernen Osten"
nimmt die Form einer
Groteske an und hat
einen gehörigen
Anteil Selbstironie.
Das Lachen des
Publikums verriet
ihren
Wiedererkennungswert.
Beurteilung
der Methode
Wie oft bei
Szenenspielen
identifizieren sich
die Beteiligten
stark mit dem
Geschehen, denn es
waren die eigenen
Themen, die ins
Spiel kamen.
Folgende Punkte sind
für das Szenenspiel
charakteristisch:
|
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Abbildung 3:
Gewichtung
emotionaler und
kognitiver Anteile
im Prozess
|
- Bearbeitbarkeit: Die
szenische Arbeit bietet
einen angemessenen
Rahmen zur Bearbeitung
auch von
schwerwiegenden, nicht
leicht kommunizierbaren
Inhalten. In einer
angeregten Atmosphäre
kann eine Gruppendynamik
entstehen, die eine
spielerische
Leichtigkeit in sensible
Themen bringt.
- Transfer: Am Beginn
der szenischen Arbeit
steht das unmittelbare
Spielerlebnis, das einen
freien Zugang zur
Intuition schafft. In
der Dynamik der
szenischen Arbeit
geraten angesprochene
Themen aus dem
Vorbewussten ins
Bewusstsein. Die
kognitive
Auseinandersetzung mit
dem bewusst Gewordenen
rundet den (Lern-)Prozess
ab. Die gemeinsame
verbale Verarbeitung des
Theaterereignisses ist
für den Transfer von der
Spiel- auf die
Arbeitsebene von hoher
Bedeutung (vgl. Abb. 3).
- Nachhaltigkeit:
Szenisches Arbeiten
wirkt lange nach. Im
beschriebenen Beispiel
wurde noch Monate später
über den Theater-Abend
gesprochen; die
aufgeführten Szenen
bildeten auch bei neuen
Teamzusammensetzungen
und räumlichen
Umgestaltungen einen
gemeinsamen Bezugspunkt
der Beteiligten. Auf
diese Weise war die
szenische Arbeit ein
wichtiges Element im
Prozess der
Bereichsinternationalisierung.
Themenzentriertes
Theater
Das Thema
"Konfliktmanagement"
steht für fünfzehn
angehende Führungskräfte
eines
Dienstleistungsunternehmens
auf dem Seminarplan. Die
Mitarbeiter sollen in
diesem Kontext das
themenzentrierte Theater
als eine Methode der
Bearbeitung
interpersoneller
Konflikte kennen lernen
und in eigener Erfahrung
erleben. Dabei sollen
die Ist-Situation
beschrieben und
wünschbare künftige
Situationen aufgezeigt
werden.
Vorgehen
In unserem Beispiel ging eine Spielsequenz mit Interaktionsspielen dem
themenzentrierten
Theater voraus, um die
Seminargruppe an das
Verkörpern einer
Situation heranzuführen.
Es folgte eine
Übungsphase, in der das
emotionale Gedächtnis
der KollegInnen
aktiviert und der zu
bearbeitende Konflikt
herausgearbeitet wurde.
Dabei konzentrieren sich
alle auf sich selbst und
erinnerten – individuell
– schöne und unangenehme
Situationen der letzten
Zeit. Im anschließenden
Austausch stellte sich
heraus, dass es einen
Konflikt gab, der allen
Kollegen vertraut war,
nämlich das Gefühl des
Hin-und-her-gerissen-Seins
zwischen den Ansprüchen
der Firma und denen des
persönlichen Umfelds. Er
bildete das gemeinsame
Zentrum der Arbeit. Im folgenden themenzentrierten Theater wurde dieser Konflikt in
selbstgesteuerten
Kleingruppen bearbeitet.
Zurück im Plenum begann
ein Kollege, vom
Spielleiter gecoacht,
sein Ausgangsbild auf
der Bühne als Statue
darzustellen. Hierbei
standen ihm zwei
Kollegen zur Verfügung.
Er formte für alle
sichtbar das Abbild
seiner gegenwärtigen
Lebenssituation. Er
definierte dabei die
Rollen der Kollegen und
seine eigene. Er ergab
sich ein beeindruckendes
Bild, das der
Schlüsselszene des
Kaukasischen
Kreidekreises von Brecht
entsprach. Dort ist es
ein Kind, das einerseits
von seiner leiblichen
und andererseits von
seiner Stiefmutter
beinahe zerrissen wird.
In diesem symbolischen
Bild fanden sich viele
Kollegen wieder und
waren so emotional in
das Bühnengeschehen
eingebunden. Nach der Klärung des Ist-Zustandes definierte der Kollege seinen
Wunsch-Zustand
und baute das
entsprechende Bild auf
der Bühne auf. Seine
Familie änderte kaum die
Distanz, jedoch wurde
der Handgriff ein
anderer. Der Chef ging
einen Schritt zurück,
aus seinem festen Griff
wurde eine vorsichtige
Berührung. Jetzt war die Frage, wie
der Kollege vom Ist- zum
Wunsch-Zustand gelangt.
Der betreffende Kollege
äußerte seine Gedanken
und die Kollegen
unterstützten ihn durch
Vorschläge: "Meinst du,
du kannst deinem Chef
bei der nächsten
Zielabsprache davon
überzeugen, dass du die
Abteilung selbständig
leiten kannst?" Der
Kollege probierte es
aus, um zu überprüfen,
ob diese Idee einen
Schritt zu mehr
Selbst-Ständigkeit in
sich birgt. Der Spieler,
der den Chef vertrat,
reagierte, indem er
seinen Kollegen los
ließ. Abschließend probten die
Spielenden die Wege vom
Ist-Zustand zum
Wunsch-Zustand. Die
Arbeit im
themenzentrierten
Theater ergab am Ende
eine Szene, in der jede
Position, Mimik und
Geste ihre
nachvollziehbare
Bedeutung hatte.
Schließlich wurden
persönliche
Handlungsschritte für
die Beteiligten
festgehalten. Die Aufgabe des Spielleiters liegt im kontrollierten Einstieg in das
Thema, er trägt
Verantwortung für die
Dynamik des ausgelösten
Arbeitsprozesses und
muss ihn im Verlauf
auffangen können. Dies
gilt vor allem für
potentiell hochsensible
Themen. Es kann peinlich
sein, die Intimität
eines Kollegen
aufgedrängt zu bekommen
– oder in einigen
Stunden der Offenheit
allzu Persönliches von
sich preiszugeben. Der
Spielleiter hat darauf
zu achten, dass der
Prozess letzten Endes
der Gruppe in ihren
arbeitsbezogenen Themen
zu Gute kommt und kein
psychotherapeutischer
Prozess einzelner
Mitarbeiter sein kann.
Beurteilung der
Methode
Das themenzentrierte Theater ist geeignet, zwischenmenschliche
Beziehungen zu
untersuchen.
Konfliktmanagement ist
dabei lediglich ein
Anwendungsgebiet neben
anderen. Folgende
Aspekte sind uns
wichtig:
-
Ressourcen-Entdeckung:
Das themenzentrierte
Theater ist eine
Form kollegialer
Beratung. Der
Spielraum des
Theaters ermöglicht
die Entdeckung
vorhandener
Ressourcen. Die
Beteiligten können
persönliche
Handlungsschritte
ableiten, die ihrer
individuellen
Situation
entsprechen. Der
Bezug der Methode
zum Arbeitsalltag
ist sehr eng. Im
genannten Beispiel
nutzten weitere
Kollegen das
themenzentrierte
Theater, um ihre
Möglichkeiten der
Konfliktlösung zu
erarbeiten. Andere
zogen vor, sich
bedeckt zu halten
und nicht im Zentrum
der Arbeit zu
stehen. Die
Auseinandersetzung
mit dem Thema sowie
die Erarbeitung von
Lösungsansätzen
können die Kollegen
als Akteur,
Mit-Spieler oder
Zuschauer im Vorder-
oder Hintergrund
leisten.
- Zur Rolle der
Zuschauer: Die
Wahrnehmungen der
Zuschauer sind im
Prozess von hoher
Bedeutung. Der
Spielleiter fragt
nach dem, was die
Zuschauer in dem
Bild sehen. Es geht
um die Benennung von
Details, die
unterschiedlich
wahrgenommen und
gedeutet werden. Das
Stellen von Fragen
aus dem Publikum ist
hierbei ebenso
nützlich wie die
Aufstellung von
Hypothesen. Im
beschriebenen
Beispiel wollte
jemand wissen, ob
sich der Kollege von
der Hand seines
Chefs
gefangengehalten
fühlt oder ob sie
ihm Halt gibt. Das
war eine Frage, auf
die der Kollege
nicht ohne Weiteres
antworten konnte.
- Zur Rolle der
Akteure und (Mit-)Spieler:
Der Rollentausch
macht neue
Sichtweisen möglich.
So konnte der Akteur
in unserem Beispiel
die Position seines
Chefs übernehmen und
dadurch die gleiche
Situation aus einer
anderen Perspektive
sehen.
- Intervention
in der Abbildung:
Auf der Bühne
entsteht ein Abbild,
eine Analogie. Das
themenzentrierte
Theater erlaubt den
direkten Versuch des
Eingriffs, der
risikofreien
Intervention.
Vortragstheater
In einem
Jahrestreffen des
Frauennetzwerks aus
einem
Grossunternehmen der
Elektronikbranche
kommen über siebzig
Kolleginnen der
mittleren
Führungsebene sowie
zehn
Vorstandsmitglieder
zusammen. In das
Thema des Abends
"Unternehmen im
Wandel – neue
Freiräume, neue
Verantwortung" führt
eine Referentin ein.
Ihr Vortrag soll
durch szenische
Elemente illustriert
und aufgelockert
werden. Als
Abschluss der
dreistündigen
Veranstaltung ist
eine
Podiumsdiskussion
mit anschließendem
Büffet geplant.
Vorgehen
Zur Erarbeitung der
Szenen ging der
Abendveranstaltung
eine sechsstündige
Theaterwerkstatt mit
neun
Mitarbeiterinnen und
einem Mitarbeiter
voraus. Lediglich
die Freiwilligkeit
der Teilnahme war
entscheidend,
keinerlei
Bühnenerfahrung war
vorausgesetzt. Die
inhaltliche Arbeit
der Theaterwerkstatt
orientiert sich an
intensiven
Absprachen des
Spielleiters mit den
Veranstaltern und
der Referentin, um
reibungslose
Übergänge zu
schaffen und das
Thema gezielt zu
bedienen.
Am Beginn erklärte
der Spielleiter die
geplanten Schritte
und ihre Ziele, um
die inhaltliche
Verbindung zum
Vortragsthema
transparent zu
machen. Eine
Spielsequenz brachte
die MitarbeiterInnen
in Bewegung.
Kleingruppen
erarbeiteten mit
Unterstützung des
Spielleiters vier
Szenen mit zwanzig
Minuten
Gesamtspielzeit, in
denen Aspekte des
Vortrags in Szenen
umgesetzt wurden
(z.B. "neue
Lebensformen und
–entwürfe" oder der
Begriff
"interkulturelle
Kompetenz"). Die
Referentin kam
schließlich zur
Durchlaufprobe der
Szenen. Sie stimmte
die Auftritte mit
dem Spielleiter ab.
Damit waren die
Vorbereitungen für
die
Abendveranstaltung
und die Verbindung
von Vortrag und
Theater
abgeschlossen. Die Abendveranstaltung begann mit dem ersten Teil des Referats. Der
Blick der Referentin
ging in Richtung
Ensemble. Das war
das Signal für die
erste Aufführung:
"neue Lebensformen
und –entwürfe." Die
Darstellerinnen
spielten ein
fünfminütiges Stück
in drei Szenen,
wobei die relevanten
Themen der
Teilnehmer deutlich
werden:
| 1. |
Auf der
Bühne:
Schülerinnen
sprechen am
letzten Schultag
über ihre
Perspektiven,
reden etwa vom
bevorstehenden
Studium. Eine
will "erstmal
eine lange Reise
machen und nie
heiraten". |
| 2. |
Die
Spielerinnen
sind im Raum
verteilt: Sie
halten Monologe
über das, was
inzwischen
geschehen ist
("Bei meiner
langen Reise
lernte ich
meinen Mann
kennen. Naja,
und jetzt haben
wir zwei
Kinder.") |
| 3. |
Schlussszene
auf der Bühne im
Dialog: "Gibt es
bei euch
Jobsharing?
Irgendeinen Weg
wird es doch
geben, Kind und
Arbeit zu
verbinden." |
Abschließend
wurde der
Vortrag
fortgesetzt und
die
Podiumsdiskussion
eingeleitet.
Beurteilung der
Methode
- Lebendigkeit und
Identifikation:
Das szenische
Spiel der
Kolleginnen
bringt
Lebendigkeit und
persönliche
Anknüpfungspunkte
in den Vortrag,
denn das Spielen
der aus dem
Arbeitsalltag
bekannten
Kollegen wirkt
unmittelbar.
Durch die
visuelle
Darstellung
werden die
Vortragsinhalte
intensiver
aufgenommen. Der
Anspruch war in
diesem Fall
nicht der einer
nachhaltigen
Intervention.
- Zeitbedarf: Die
Teilnahme an
einer
Theaterwerkstatt
ist eine
zeitliche
Belastung für
die Kolleginnen
und Kollegen,
die sich den
hierfür nötigen
Tag erst einmal
"freischaufeln"
müssen.
Grenzen und
Möglichkeiten
des
Mitarbeitertheaters
Die
Beispiele zeigen nur einige der vielfältigen Formen
und Einsatzmöglichkeiten des Mitarbeitertheaters
sowie deren aus unserer Sicht wichtigste spezifische
Aspekte. Allen ist eines gemein: die Offenheit des
Prozesses. Der Einsatz des Mitarbeitertheaters ist
ein Wagnis, ein Prozess mit ungewissem Verlauf –
welche Themen genau aufkommen oder in welcher Weise
Vorgaben umgesetzt werden, ist ex ante nicht
steuerbar. Das Spielen mit Mitarbeitern erfordert
insofern den Willen, sich auf Unbekanntes
einzulassen – und zwar auf Seiten aller Beteiligten.
In dieser Offenheit liegen Chancen, aber eben auch
Unwägbarkeiten. Es ist nicht selbstverständlich für
Organisationen, sich auf diese Offenheit
einzulassen. Dabei geht es nicht um große Kunst oder
um eine ausgefeilte Dramaturgie. Es ist keine
aufwendige Entschlüsselung nötig, um "die Botschaft"
zu verstehen. Die Unmittelbarkeit des Weges ist beim
Mitarbeitertheater zentrales Kennzeichen der
Methode. Demgegenüber ist Unternehmenstheater mit Profi-Schauspielern stärker
planbar, es stellt aber eine "Stellvertreter-Hhandlung"
dar. Für manche Zwecke (zum Beispiel die plastische
Darstellung komplizierter Themen auf der Bühne) kann
das sinnvoll sein, aber da wo es um intensives
Erleben, nachhaltige Effekte und organisationale
Veränderungsimpulse geht, ist das Selber-Machen
vielversprechender. Auch gerät professionelles
Unternehmenstheater oftmals in den Verdacht, den
"pädagogischen Zeigefinger" zu erheben und die
MitarbeiterInnen auf eine neue, subtile Weise
beeinflussen zu wollen (Misstrauen gegenüber
monologischen Formen des Unternehmenstheaters). Spiel und Theater mit Mitarbeitern ist also nicht der methodische
Universalschlüssel, der immer passt und alle Türen
der Organisationsentwicklung öffnet. Fällt eine
Organisation die Entscheidung für den Einsatz des
Mitarbeitertheaters, sind zunächst folgende
Beschränkungen und Risiken von Bedeutung, die im
Extremfall zum Scheitern der Intervention mittels
Mitarbeitertheater führen können.
Risiken des Mitarbeitertheaters
- Mut zu Neuem ist gefordert – schon
alleine aufgrund der im Arbeitsalltag
ungewohnten Dominanz des körperlichen Ausdrucks
beim Theaterspielen. Vor allem aber kann Spiel
und Theater an persönliche Konflikte führen,
deren Bearbeitung in einem beschränkten
Seminarrahmen nicht unbedingt einfach (oder
angemessen) ist. Diesem Aspekt ausreichend
Beachtung zu schenken, ist eine Anforderung an
die Spielleitung.
- Spiel und Theater erfordert einen
geschützten Raum. Zwar kann Theater helfen,
Blockaden zu lösen und Konflikte kommunizierbar
zu machen. In manchen Fällen aber – vor allem
wenn eine oder mehrere der beteiligten Personen
sich akut "bedroht" fühlt, stößt das Spiel an
seine Grenzen. So z.B. in extremen
Krisensituationen (z.B. Risiko des
Personalabbaus) oder wenn Beteiligte in scharfer
Konkurrenz zueinander stehen. Wo es faktisch
keine Spiel-Räume gibt, ist der Einsatz von
Mitarbeitertheater unmöglich.
- Balance zwischen Irritation und
Intervention: Ein wesentlicher Aspekt der
Wirkung aller Formen des Unternehmenstheaters –
und dies gilt auch für das der
Profi-Schauspieler – ist der des Transfers:
Unternehmenstheater ist eine "andersartige"
Interventionsform, die zeitlich beschränkt – und
oftmals nur für wenige Stunden – engagiert wird.
Ob es dauerhaft wirkt, hängt von der Einbettung
in umfassende Prozesse der Organisations- und
Personalentwicklung ab. Von großer Bedeutung ist
hierbei, ob und wie das spielerische Lernen
einen Anschluss in den konventionellen verbalen
Kommunikationsformen findet. Viele
Theateranbieter arbeiten mit Trainern und
Beratern zusammen, die das im Spiel Erlebte mit
klassischen Seminarmethoden nachbereiten. Als
isoliertes Instrument blieben die Potenziale von
Spiel und Theater hingegen teilweise ungenutzt.
Potentiale des Mitarbeitertheaters
- Im Mitarbeitertheater kann ein erlebbares
und vielschichtiges Abbild der Organisationen
entstehen, das unter Einbeziehung des Körpers
und bildhafter Ausdrucksformen Dinge bearbeitbar
macht, die latent wahrgenommen werden, aber
schwer durch Worte zu fassen (oder auch mit
"Sprechverboten" belegt) sind, z.B.: Wie sehen
Facetten der Unternehmenskultur aus? Welche
organisationsinternen Reibungsverluste gibt es?
Welche Widersprüchlichkeiten sind in die
Aufgaben- und Kompetenzverteilung eingebaut?
Dieser Vorzug, bestimme Themen durch die
Einbeziehung verschiedener Ausdrucksebenen
besser kommunizierbar zu machen, ist eine
generelle Qualität analoger Verfahren (z.B. das
Malen von Bildern oder das Erzählen von
Geschichten über die Organisation). Aufgrund
seiner Vieldimensionalität gilt dieser Vorteil
jedoch insbesondere für das Theaterspielen.
- Das Verkörpern (eigener) Themen hat eine
unmittelbare Wirkung. Das beim Spiel
Gesehene und Erlebte wird tiefer im Gedächtnis
verankert als Worte. Durch die Einbeziehung der
Körperebene entstehen so Lernerlebnisse mit
nachhaltiger Wirkung. Mit den Körpern erzählte
Geschichten schaffen die stabile Grundlage für
ein kollektives Gedächtnis der Beteiligten.
Diese Nachhaltigkeit wird insbesondere beim
Mitarbeitertheater erzielt, bei dem die
Belegschaft selbst ihre Themen darstellt. In
allen Beispielen zeigte sich auch längere Zeit
nach den Workshops, dass die Mitwirkenden eine
gemeinsame Sprache für bestimmte Themen gefunden
hatten.
- Das Spiel ermöglicht den Wechsel zwischen
unterschiedlichen Perspektiven – auf eine
konsequentere Art, als das in Diskussionen
praktiziert wird. Die Teilnehmer haben die
Möglichkeit, Rollen zu tauschen, selbst zu
spielen und als Zuschauer aus der Distanz die
Organisation zu betrachten, deren Teil sie sind.
Diese Außensicht auf das Ganze oder auf
bestimmte Teile der Organisation bietet eine
ungewöhnliche Möglichkeit, auch die eigene rolle
und ihre Position innerhalb des Systems zu
betrachten.
- Mitarbeitertheater schafft einen
Spielraum für Veränderungen. In diesem
Spielraum wird geprobt. Im Theater können Ideen
ausprobiert werden, die später zu reellen
Handlungen im Arbeitsalltag führen. Somit kann
das Theater als Labor einer Organisation genutzt
werden oder als Werkstatt der Visionen. Der
Puffer zwischen (spielerischer) Fiktion und
Realität ermöglicht den Versuch von Neuem, das
in Wirklichkeit zu riskant erschiene. Dies hängt
auch zusammen mit den aktivierenden Fähigkeiten
des Spielens. Das Theater liefert keine starre
Abbildung wie eine Folie oder statische Medien.
Es ist ein lebendiges Medium, das auf
Kommunikation und Auseinandersetzung zielt.
Interaktive Theaterformen und das Spiel der
MitarbeiterInnen bringen Dynamik mit sich und
regen Kommunikation an.
Wir verstehen Unternehmenstheater im allgemeinen und
Mitarbeitertheater im besonderen als effizientes
Mittel zum Erreichen bestimmter Ziele der
Organisation (und nicht als Theaterspielen an sich).
Unsere Erfahrung ist, dass dieses Verständnis
eingelöst werden kann. Dies setzt eine genaue
Klärung zwischen Anbieter und Auftraggeber über
Kommunikationsanlass, Kommunikationsziel und
inhaltliche Einbettung des Mitarbeitertheaters
voraus. Die Rolle der Spielleitung ist im besten
Sinne des Wortes die eines Animators, der dem
Organisationsentwicklungsprozess "Leben einhaucht".
Er erweckt die Spiellust der Beteiligten, setzt den
angemessenen Rahmen und sorgt für eine inhaltliche
Bezugnahme auf die konkreten Belange der
Organisation.
Dennoch: trotz klarer Zieldefinitionen bleibt beim
Mitarbeitertheater ein gewisser "Eigensinn"
bestehen. Das Spiel schafft Freiräume, bietet
Überraschungen und ist herausfordernd und anregend,
kurz: Mitarbeitertheater kann
Organisationsentwicklung im besten Sinne des Wortes
sein. Theater in Unternehmen ist daher Mittel zum
Zweck und noch etwas mehr.
Aus: OrganisationsEntwicklung Heft
3/00, www.zoe.ch
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